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Wissenschaftlicher Ruhm kann Zufall sein
23. Mai 2003 09:34

Für Forscher-Karrieren zählt heute vor allem eines: wie viele Fachartikel sie veröffentlichen und wie oft diese wiederum zitiert werden. Auch ein eher unwichtiger Artikel könnte aber durchaus zufällig «berühmt» werden.

Auch unbedeutende wissenschaftliche Arbeiten könnten zu Ruhm gelangen und niemand würde etwas merken - zumindest kein Statistiker. Zu diesem verblüffenden Schluss kommen zwei amerikanische Ingenieure. Ihrem Modell zufolge könnten Forscher nahezu wahllos andere Fachartikel zitieren, ohne dass sich an der Zahl der als «berühmt» eingestuften Arbeiten etwas ändern würde.

Viel zitiert ist «Great»

«Ein allgemein akzeptiertes Maß für die 'Großartigkeit' eines Wissenschaftlers ist die Häufigkeit, mit der seine Arbeiten zitiert werden», beginnen Mikhail Simkin und Vwani Roychowdhury von der University of California ihren nach eigenen angaben nur halb ernst gemeinten Frontalangriff auf den wissenschaftlichen Veröffentlichungsbetrieb. Beispielsweise stufe eine Literaturdatenbank für Hochenergiephysik nur solche Artikel als «berühmt» ein, die mehr als 500-mal von anderen Artikeln zitiert worden seien.

Die zwei Forscher fanden, dass 44 von rund 24.000 im Fachblatt «Physical Review D» publizierten Arbeiten dieses Kriterium erfüllten. Bei insgesamt 350.000 Zitaten sei die Wahrscheinlichkeit, dass ein Artikel zufällig derart oft zitiert werde, praktisch gleich Null. Allerdings hatten Simkin und Roychowdhury erst kürzlich entdeckt, dass Forscher ihre Zitate oft und ohne genau hinzusehen aus anderen Arbeiten abschreiben.

Matthäus-Effekt

Ein zufällig etwas häufiger zitierter Artikel werde daher in Zukunft automatisch immer häufiger genannt, erläutern die Forscher. In Anlehnung an Kapitel 25, Vers 29 des Matthäus-Evangeliums - «denn wer hat, dem wird gegeben, und er wird im Überfluss haben» - wird dieses Phänomen auch als «Matthäus-Effekt» bezeichnet.

Simkin und Roychowdhury fanden, dass sich die Zitat-Statistik der Literaturdatenbank verblüffend gut nachbilden lässt, wenn man diesen Effekt berücksichtigt. Gesetzt den Fall, jeder Artikelautor nehme rein zufällig drei andere Arbeiten zur Hand und schreibe daraus ein Viertel der Zitate ab, lasse sich praktisch kein Unterschied feststellen. Und diesem Modell zufolge erreichten 40 von 24.000 Artikeln unabhängig von ihrer wissenschaftlichen Bedeutung 500 oder mehr Zitate - in erstaunlicher Übereinstimmung mit der tatsächlichen Zahl von 44 «berühmten» Artikeln.

Bleibt zu hoffen, dass das in der Realität nicht passiert. Sonst könnte ein Forscher, der Karriere machen will, sich genauso gut auf eine Lotterie verlassen. (nz/jkm)


MEHR IM INTERNET
Copied citations create renowned papers?
http://xxx.lanl.gov/abs/cond-mat/0305150
Read before you cite! (Preprint der vorherigen Arbeit
http://www.arxiv.org/abs/cond-mat/0212043
The Matthew Effect in Science (Univ. of Pennsylvania)
http://www.garfield.library.upenn.edu/merton/list.html
Matthäus-Evangelium, Kapitel 25
http://theol.uibk.ac.at/bibel/mt25.html
Homepage Vwani Roychowdhury
http://www.ee.ucla.edu/faculty/bios/roychowdhury.htm

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Wahrheit, Dichtung und Statistik
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